Zurück in die Armut?
Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Entwicklungsländer
Podiumsgespräch am 28. April 2009 in der Kalkscheune, Berlin
DJ Don Chicharron, Mitglied der La Chusma Crew, legte nach der Podiumsdiskussion an seinen Turntables auf.
Die Wirtschaftskrise hat die Welt fest im Griff. Kein Tag vergeht ohne neue Nachrichten über Insolvenz, Zusammenbrüche und Rettungspakete. Im Fokus stehen die global vernetzten Industrienationen, auch wenn die Krise hier noch nicht so recht im Alltag der Menschen angekommen ist. Wie aber sieht es bei den Ärmsten der Armen in den Entwicklungsländern aus? Darüber ist in unseren Medien nur wenig zu erfahren. Grund genug, dieses wichtige Thema im Rahmen von Eine Welt – Eine Zukunft zu diskutieren.
“Die Armen zahlen in der harten Währung ihrer eigenen Existenz”, so fasst die Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul die Auswirkungen der Krise auf die Entwicklungsländer in ihrer Videobotschaft zusammen.
Ganz so dramatisch sieht Prof. Dr. Eva Terberger die Lage dort noch nicht. Aber nachdem die Krise inzwischen die Schwellenländer erfasst hat, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch auf die ärmsten Nationen durchschlägt – mit dramatischen Folgen für die Menschen, denen ohne soziales Sicherungsnetz der Sturz ins Bodenlose droht.
Erstaunliche Einmütigkeit herrscht unter den ExpertInnen bei der Frage nach den Ursachen der Krise. Für Dr. Modibo Camara, der Schwellen- und Entwicklungsländer in Wirtschaftsfragen berät, liegt es vor allem am schlechten Management. Hier ist jetzt die Politik gefragt: “Die Krisen werden wieder kommen, sie lassen sich nicht vermeiden. Aber wir müssen die negativen Auswirkungen so weit wie möglich minimieren.” Er sieht die Turbulenzen aber auch als Chance für die armen Länder, sich aus der Abhängigkeit von den Industrienationen zu befreien und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
So optimistisch mag Peter Wahl von der globalisierungskritischen Nichtregierungsorganisation WEED – Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung – nicht in die Zukunft blicken. Immerhin begrüßt er, dass inzwischen weite Teile der Wirtschaft die Globalisierung deutlich kritischer betrachten als vor dem Ausbruch der Krise. Wahl hofft auf einen grundlegenden Paradigmenwechsel: “Mehr Regulierung, mehr Armutsbekämpfung, mehr Finanzstabilität.”
Mit diesen Forderungen stößt er bei Dietrich Jahn, der im Bundesfinanzministerium für die Unterabteilung Finanz- und Währungspolitik zuständig ist, auf offene Ohren. Jahn fordert einen Pakt zwischen Wirtschaft und Politik, um sich “die Zukunft gemeinsam zu erkämpfen.” Den Schwellen- und Entwicklungsländer muss man nach seiner überzeugung schon aus ganz pragmatischen Gründen helfen: “In Zeiten der Globalisierung hängt alles mit allem zusammen. Auch wir profitieren davon, wenn es den ärmeren Ländern besser geht.”
Weitere Stellungnahmen kamen von VertreterInnen des Entwicklungsministeriums , Dr. Gerhard Ressel, des “Schwellenlands” Indien (Prof. Raji Jayaraman) und einer Gesellschaft für Makro-Finanzdienstleistungen in Entwicklungsländern, Dr. Bernd Zattler.
Besonders aktiv hat sich diesmal das durchweg junge und ernsthaft interessierte Publikum an der anschließenden Diskussion beteiligt: die komplizierten Zusammenhänge der Weltwirtschaft wurden zwar klarer, viele Fragen – besonders im Hinblick auf die unverschuldet und überprortional betroffenen Entwicklungsländer – blieben aber noch offen. So gingen – bei DJ-Klängen nach dem offiziellen Ende des Panels – die kontroversen und engagierten Diskussionen noch lange in den Räumlichkeiten und im Hof der Kalkscheune weiter.
Dietrich Jahn ist Ministerialdirigent im Bundesministerium der Finanzen (BMF), zuständig für internationale Finanz- und Währungspolitik.
Prof. Raji Jayaraman unterrichtet an der ESMT European School of Management and Technology GmbH. Zu ihren Schwerpunkten gehören Entwicklungswirtschaft und angewandte Industrial Organization.
Dr. Gerhard Ressel ist stellvertretender Leiter des Referats “Weltbankgruppe; IWF; Entschuldung; Internationale Finanzarchitektur” im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).
Prof. Dr. Eva Terberger ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre, Finanzsysteme und Entwicklungsfinanzierung an der Universität Mannheim. Zusätzlich ist sie für die KfW Entwicklungsbank tätig.
Peter Wahl ist Vorstandsmitglied der NGO Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung (WEED) sowie Mitbegründer von Attac Deutschland.
Dr. Bernd Zattler gründete die LFS Financial Systems GmbH, eine Management- und Beratungsgesellschaft für Finanzdienstleistungen in Entwicklungs- und Schwellenländern.






