Zerstört Klimawandel Entwicklung?

Klimawandel und Entwicklungszusammenarbeit

Podiumsdiskussion am 17. September 2009 ab 19:00 Uhr in der Berliner Kalkscheune

Das Duo Magic Island Steel stimmte das Publikum mit karibischen Rhythmen auf die Diskussion ein.

Obwohl Dürren, Wirbelstürme und Überschwemmungen weltweit zunehmen, sind die Risiken des Klimawandels ungleich verteilt. Die westlichen Industrienationen als Hauptverursacher spüren seine Auswirkungen kaum. Stattdessen trifft die Klimakatastrophe die armen Länder mit voller Wucht. Drohen die Erfolge der Entwicklungspolitik in den nächsten Jahren von Tornados und überschwemmungen zunichte gemacht zu werden?

Die Heimat Irendra Radjawalis ist eine Ausnahme vom oben beschriebenen Szenario, denn sie ist zugleich Verursacher und Opfer des Klimawandels. Der Meeresökologe vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT, Bremen) kommt aus Indonesien, das wegen seiner massiven Brandrodungen so viel CO2 in die Atmosphäre bläst wie kaum ein anderes Land. Die Konsequenzen sind schon jetzt spürbar, einige kleinere Inseln sind bereits im Meer versunken. Das hat auch soziale Folgen, wie z.B. für den Teil der Bevölkerung, der vor allem vom Fischfang lebt: “Während der Regenzeit wird nicht gefischt, weil das Wasser in den Riffen dann zu hoch steht. Der Klimawandel bringt die Regen- und Trockenzeiten durcheinander – die Fischer können nicht mehr erkennen, wann sie ihre Netze auswerfen müssen,” berichtet Radjawali. Vielen bleibt schon heute nur noch der Weg in die Verschuldung, wenn sie überleben wollen.

Aber produziert der Klimawandel – so zynisch das klingt – vielleicht auch Gewinner? Die Energieökonomin Prof. Dr. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW, Berlin) vertritt die These, dass der Klimawandel einer Industrienation wie Deutschland durchaus Chancen eröffnet, etwa bei der Entwicklung und dem Export umweltfreundlicher Technologien. Die Chancen stehen jedoch in keinem Verhältnis zu den Schäden und dem menschlichen Leid, die der Klimawandel anrichtet: “Weite Teile Afrikas werden unbewohnbar sein”, prognostiziert Prof. Kemfert. In den nächsten 100 Jahren wird der Klimawandel etwa 20 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts vernichten. Es sind also Mechanismen nötig, um die ökonomischen Lasten gerecht zu verteilen, die unweigerlich auf uns zukommen.

Trotz dieser niederschmetternden Prognose können wir die Katastrophe noch verhindern, glaubt Dr. Brigitte Knopf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Aber die Zeit drängt, warnt sie: “Wir dürfen nicht erst morgen oder nächste Woche handeln, sondern jetzt sofort.” Was bedeutet das konkret? “Wir müssen schnellstmöglich auf erneuerbare Energien umstellen, einen globalen Emissionshandel durchsetzen, die Entwaldung stoppen und das Dilemma des Zusammenhangs von wirtschaftlichem Wachstum und steigendem CO2-Ausstoß lösen”, sagt Dr. Knopf. Es wird höchste Zeit, dass sich die Industrie- und Entwicklungsländer der gemeinsamen Herausforderung stellen. “Think Global – Act Global” lautet die Devise. Mit dieser Einstellung können wir die Wende noch schaffen.

UNSERE GÄSTE
Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW, Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin.

Dr. Brigitte Knopf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Vermeidung des Klimawandels und die Modellierung von Niedrig-Emissionsszenarien.

Irendra Radjawali arbeitet als Doktorand am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT, Bremen). Er stammt aus Indonesien, wo er an der Universität in Bandung Bauingenieurwesen/ Geotechnik studierte.