Townshipfunk und Nollywood

Kreativwirtschaft als Entwicklungsressource?

Podiumsgespräch am 18. November 2010 um 19.30 Uhr in der Kalkscheune, Berlin

Unter dem Sammelbegriff Kreativwirtschaft setzen Künstler, Journalisten, Architekten oder Designer in Deutschland jährlich etwa 130 Mrd. Euro um. Kulturschaffende haben sich in den Industrienationen als wichtiger Wirtschaftsfaktor etabliert. Ist ein solcher Erfolg auch in den Entwicklungsländern denkbar? Gibt es dort ein vergleichbares Potential? Sollen wir wirklich die Filmproduktion in Ländern fördern, in denen es an Krankenhäusern und Schulen fehlt? Diese Fragen standen am 18. November im Mittelpunkt der Diskussionsrunde von “Eine Welt – Eine Zukunft”.


Katrin Bornemann wird mit diesen Fragen häufiger konfrontiert, denn sie ist im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) für Bildungsmaßnahmen zuständig. Für sie steht der Nutzen der Kulturförderung aber außer Zweifel: “Die Kreativwirtschaft wird nicht um ihrer selbst Willen gefördert. Sie kann auch in den armen Ländern ein Jobmotor sein.” Daher achte das BMZ auch besonders auf die Nachhaltigkeit der geförderten Projekte.

Einen erfolgreichen Kulturunternehmer lernte das Publikum schon vor der Diskussion in einem kurzen Film kennen – den Tänzer Melaku Belaye, den der Journalist Felix Zeltner für seinen Videoblog “tonspur” getroffen hat. Belaye betreibt in Addis Abeba eine Bar, in der alte äthiopische Tanztraditionen gepflegt werden. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der heimischen Kultur und schafft darüber hinaus noch Arbeitsplätze. Das Beispiel von Melaku Belaye verdeutlicht für Zeltner, wie Kulturförderung funktionieren kann: “Es ist besser, die engagierten Menschen in ihrer Heimat zu unterstützen, als Helfer aus den Geberländern heranzukarren.”

Für Dorothee Wenner, die Sonderbeauftragte der Berlinale für Subsahara-Afrika und Indien konzentriert sich die Diskussion allerdings zu oft auf den wirtschaftlichen Nutzen. “Wir Europäer können uns nicht vorstellen, was es für ein Land bedeutet, wenn es keine Bilder von sich hat”, findet sie. Der Wert der Kultur stehe daher nicht hinter dem von Krankenhäusern und Schulen zurück. Ohne eigene Filme oder Romane könnten Werte oder Geschlechterrollen in den im Umbruch befindlichen Gesellschaften nur schwer diskutiert und neu verhandelt werden.

Das sieht auch die Filmemacherin Angèle Diabang so. In ihrer rohstoffarmen Heimat Senegal ist die Kultur sogar die vielleicht wichtigste Ressource. Daher ist sie grundsätzlich auch froh über die Fördergelder, die aus Europa nach Afrika fließen. Auch sie hat schon davon profitiert – ihr Film “Senegalaises et Islam” wurde vom Goethe-Institut finanziert. “Was allerdings fehlt ist eine Förderung, die uns in die Lage versetzt, wirklich selbst unsere Filme zu machen. Es müsste viel mehr für die technische Ausbildung getan werden”, kritisiert sie. Auch das Image des afrikanischen Films in den hiesigen Medien stört Diabang: “Filme, die den afrikanischen Alltag mit unseren Augen zeigen, haben es in Europa schwer, weil sie nur selten die gängigen Klischees von Hunger und Armut bedienen.”

Vor einem solchen Eurozentrismus warnt auch Michael Weck, der Referent für Kulturwirtschaft beim Beauftragten für Kultur und Medien der Bundesregierung. “Diese Erwartungshaltung kann leicht dazu führen, dass afrikanische Regisseure ihre Filme nicht mehr für das heimische Publikum drehen, sondern sich nur noch am Geschmack des europäischen Festivalpublikums orientieren.” Hier stehen neben den Industrienationen aber auch die Kreativschaffenden in den Empfängerländern in der Verantwortung, denn sie müssen selbst den Wert von Kunst und Kultur für ihre Gesellschaft erkennen.

UNSERE GÄSTE
Katrin Bornemann Referentin für Bildung im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Angèle Diabang Regisseurin und Produzentin aus dem Senegal. Mehr Informationen unter http://www.karoninka.com.

Michael Weck Referent für Kulturwirtschaft beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM).

Dorothee Wenner Filmemacherin und Sonderbeauftragte der Berlinale für die Regionen Subsahara-Afrika und Indien.

Felix Zeltner Autor und ARTE-Videoblogger.