Klima – Wissen ohne zu handeln

Podiumsgespräch am 12. September 2007 in der Kalkscheune, Berlin.

DJ Papa Joe bereicherte die Veranstaltung mit seinen Beats. Anschließend gab die Kreuzberger Band P.R. Kantate ein Live-Konzert.

Der Klimawandel bedroht die Erde. Wenn wir es nicht schaffen, den CO2-Ausstoß drastisch zu verringern, steuert die Welt auf eine Katastrophe zu. Warum aber handeln Politik und Gesellschaft nicht endlich? Wie können wir die Erwärmung stoppen und ihre Folgen begrenzen, die vor allem in den Entwicklungsländern schon deutlich zu spüren sind? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Diskussion “Klima – Wissen ohne zu handeln” am 12. September in der Kalkscheune.

Trotz ihrer weiten Anreise dürfte die Klimabilanz von Dr. Shirin Gadhia positiv ausfallen. Sie setzt sich in ihrer Heimat Indien für regenerative Energien und ökologische Landwirtschaft ein. In Indien sind die Folgen des Klimawandels schon heute offensichtlich: “In der Monsumzeit fällt in drei Tagen so viel Regen wie früher in drei Monaten”, berichtet sie. Trotzdem heizt und kocht ein Großteil der 1,15 Milliarden Einwohner noch mit Holz. Gadhia möchte daher Solarkocher als umweltfreundliche und bezahlbare Alternative etablieren – mittlerweile ist ihre Firma Gadhiasolar der weltweit größte Produzent von Solarküchen.

Für Bernd Arts, Leiter des Bereichs Presse und Politik beim Deutschen Atomforum, sind solche Initiativen jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Er plädiert für einen Mix aus Atomenergie, fossilen Brennstoffen und erneuerbaren Energieformen. Ohne Kernenergie ist nach seiner Meinung eine zuverlässige Stromversorgung nicht möglich. Die Risiken seien dank des hohen deutschen Sicherheitsniveaus beherrschbar.

Wolfgang Gründinger, Politikstudent und Mitglied des Club of Rome, sieht weder für Atomkraftwerke noch für fossile Brennstoffe eine Zukunft. Nur ein radikaler Schwenk hin zu erneuerbaren Energien könne den Klimawandel noch abwenden. Dem Publikum rät er deshalb: “Engagiert euch, nutzt Ökostrom und fordert euren Bundestagsabgeordneten im Wahlkreis auf, sich für erneuerbare Energien einzusetzen. Das erhöht den Druck!”

Für Dr. Stefan Cramer dagegen, den Direktor der Heinrich-Böll-Stiftung in Nigeria, ist der Klimawandel bereits eine viel konkretere Bedrohung: “In Lagos ist schon heute ein Küstenstreifen von rund zwei Kilometern Breite überflutet und erodiert.” Ein weiterer Anstieg des Meeresspiegel hätte verheerende Konsequenzen: ein Großteil von Lagos würde vollkommen überflutet, Millionen Menschen müssten in das schon jetzt dicht besiedelte Umland fliehen.

Warum verschließen Bürger und Politiker trotzdem oft die Augen vor dem Problem? Die Gründe für diese Lethargie sieht der Sozialpsychologe Dr. Christopher Cohrs vor allem in gesellschaftlichen Werten begründet. Wachstum, Erfolg und Leistung seien einfach höher angesehen als Werte wie Umweltbewusstsein und Solidarität. Es bleibt aber immerhin die Hoffnung, dass sich dies durch eine bessere Umwelterziehung in Zukunft ändern könnte.

UNSERE GÄSTE
Bernd Arts ist Leiter des Bereichs Presse und Politik des Deutschen Atomforums.

Dr. Shirin Gadhia ist Gründerin des Ökologischen Demonstrations- und Beratungszentrums ICNEER in Indien.

Dr. Stefan Cramer ist seit 2007 Landesdirektor der Heinrich-Böll-Stiftung für Nigeria mit Sitz in Lagos.

Dr. Christopher Cohrs ist Vorstandsmitglied des Forums Friedenspsychologie.

Wolfgang Gründinger ist Mitglied im Jugendkomitee des Bundesumweltministeriums und im Beirat des “BEO – Bündnis für ein energieautarkes Ostbayern” sowie im “Think Tank 30″ des Club of Rome.