Freiheit erkämpft – und jetzt?

Bürgerbewegungen: Chance und Risiko für die Gesellschaft? (Leipzig)

Lesung und kommentiertes AutorInnengespräch “Aufbruch nach Nicaragua” am 16. Juni 2009 in Leipzig.

In den 80ziger Jahren reisten zahlreiche Engagierte aus der Bundesrepublik Deutschland und der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik nach Nicaragua. Motiviert von der Vorstellung eine sozial gerechte Gesellschaft zu unterstützen und das sandinistische Nicaragua mit auf zubauen. Während die DDR-Regierung die Solidarität mit Nicaragua zur Staatspolitik erklärte und Großprojekte organisierte, stellte im Gegenzug die Bundesrepublik ihre staatliche Entwicklungshilfe ein und unterstützte die gegen die Sandinisten gerichtete Außenpolitik der US-Regierung. Vor diesem Hintergrund, geprägt von der Politik des Kalten Krieges, entstanden zahlreiche Basisgruppen die Projekte in Nicaragua unterstützten. Erika Harzer und Willi Volks waren Teil dieser Bewegung, wenn auch in verschiedenen deutschen Staaten. In der Lesung und dem Autorengespräch am 16. Juni in Leipzig berichten Sie von ihren persönlichen Erfahrungen, Hoffnungen und Enttäuschungen während Ihrer Zeit in Nicaragua.

Erika Harzer, reiste 1984 das erste Mal als Vertreterin des Jugendausbildungsprojekts der Werkschule aus dem ehemaligen West-Berlin, nach Nicaragua, um sich dort der Solidaritätsbewegung anzuschließen und Aufbauarbeit zu leisten. Motiviert von der Annahme, dass das was sie in ihrem kleinen West-Berliner Kollektiv praktizierte auch im Großen, also in Nicaragua, umsetzbar sein sollte. “Ich wollte mitwirken an diesem faszinierenden revolutionären Prozess, der soziale Gerechtigkeit im Hier und Jetzt anstrebte”. Getrieben vom “Reiz, in diesem fremden Land ganz praktisch an dem Versuch teilzuhaben, eine neue, menschlichere Gesellschaft aufzubauen”. Aber auch im entfernten Deutschland, sollte ein Signal an die damalige bundesdeutsche Regierung und ihre Haltung in der Politik gegenüber Nicaragua gesetzt werden.

Mit einem ganz anderen Hintergrund im Gepäck trat Willi Volks 1989 seine Reise nach Nicaragua an. Als Mitarbeiter in der kirchlichen Initiativgruppe Hoffnung Nicaragua in Leipzig, war Nicaragua eine schillerndes, attraktives Land und stand für “weltweite Gerechtigkeit” und dem “Dritten Weg” des Sozialismus zwischen den Blöcken. Sein Ziel war es, sich im Aufbau einer neuen sozialistischen Gesellschaft zu engagieren, die einen anderen Weg zu gehen versprach als den des “real existierenden Sozialismus” der damaligen Ostblock-Länder,. So trafen also “Ost” und “West” in einem Land zusammen, was so weit fernab der Heimat lag. Die Kommunikation zwischen Ost- und Westdeutschen war nicht immer einfach. Vielmehr war sie geprägt von der “Mauer im Koffer”, von Kommunikationsproblemen, Unsicherheit und vereinzelter Scheu aufeinander zu zugehen, trotz der gemeinsamen Sprache. Auch das Verhalten der Menschen in Nicaragua zeichnete sich durch eine differenzierte Herangehensweise aus. Gefragt “Wo kommst du her?”, stießen Westdeutschen eher auf Skepsis Ostdeutschen, dagegen eher auf positive Resonanz.

Aus dem Publikum stellte sich in diesem Zusammenhang die Frage, wie es den Deutschen so fernab von der Heimat in Nicaragua ergangen ist? Wurden sie von einem Kulturschock gebeutelt, betrieben sie Revolutionstourismus? Frau Harzer berichtete, dass einige ihrer Kollegen aufgegeben haben. Die Mehrheit hat sich aber trotz harter Arbeit, Krankheiten und anfänglichen Anpassungsproblemen durchgebissen. Sicherlich war die Motivation der Aufbauhelfer mit einer gewissen Utopie bestückt, welche jedoch ziemlich schnell verflog und sich gezwungenermaßen an die Realitäten im Land anpasste.

Offen bleibt, was aus den damaligen sozialen Bewegungen und ihrer Vorstellung von Solidariät geworden ist. Die Auswirkungen auf die heutige Entwicklungszusammenarbeit lassen sich nicht genau bestimmen, soweit bestand Einigkeit. Allerdings fällt auf, dass viele Menschen, die früher aktiv in der Nicaragua-Bewegung mitwirkten, sich weiterhin aktiv in der deutschen Entwicklungspolitik betätigen. Die Solidarität mit Nicaragua, einem armen Land, das sich die sozialistische Perspektive zum Ziel gesetzt hatte, war für viele seiner aktiven UnterstützerInnen aus beiden deutschen Staaten eine Art Spiegel, der dem eigenen, erstarrten DDR-Sozialismus aber auch sozialen Ungleichheiten in der Bundesrepublik kritisch vorgehalten wurde. Die dahinter stehende Utopie verlor mit der Wende, sowohl in Deutschland als auch in Nicaragua, zunächst rasch den Nährboden, andere Themen traten in den Vordergrund.

UNSERE GÄSTE
Erika Harzer ist Mitbegründerin des Jugendausbildungsprojektes der Werkschule Berlin, als dessen Vertreterin sie 1984-1987 in Nicaragua und 1997-2002 in Honduras war. Sie ist bei Filmprojekten als Autorin, Regisseurin, Dramaturgin und Produktionsleiterin tätig. Seit 2002 arbeitet sie außerdem als freie Journalistin und Autorin.

Willi Volks ist seit 1984 in der kirchlichen Initiativgruppe Hoffnung Nicaragua in Leipzig tätig. Seit 1990 ist er im entwicklungspolitischen INKOTA-Netzwerk in Berlin tätig. 1989 war sein erster Aufenthalt in Nicaragua und seit 1990 macht er jährliche Projektbesuche in Mittelamerika.