Freiheit erkämpft – und jetzt?
Bürgerbewegungen: Chance und Risiko für die Gesellschaft? (Berlin)
Podiumsgespräch am 11. Juni 2009 ab 19:00 Uhr in der Kalkscheune, Berlin
Musikalisch wurde die Veranstaltung durch ein Live-Konzert von Gustavo von der Band Pescadores de Ventanas unterstützt.
Als am 09. November 1989 die Mauer fiel, blickte die ganze Welt nach Berlin, wo die Bürger der DDR dem Kalten Krieg mit ihrer friedlichen Revolution ein Ende setzten. Immer wieder treibt der Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit Menschen dazu, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ob das Ergebnis in allem Ihren Hoffnungen entsprach, steht auf einem anderen Blatt. Sind Bürgerbewegungen also Chance oder auch ein Risiko für die Gesellschaft?
Marina Grasse hat sich in der DDR für eine Reform des Bildungssystems engagiert, später wurde sie Frauenbeauftragte der letzten Volkskammer. Im Rückblick sieht sie die Ereignisse um den 9. November mit kritischer Distanz: Schon am Tag des Mauerfalls habe ich gespürt, dass etwas zu Ende geht. Es wurde die Chance vertan, etwas wirklich Neues zu schaffen. Marina Grasse ist enttäuscht, aber hat nicht resigniert. Sie ist sich treu geblieben und setzt sich heute für Gleichberechtigung und Friedensförderung ein.
Auch dem georgischen Künstler und Journalisten Lasha Bakradze liegen Demokratie und Bürgerrechte am Herzen. Als er in den achtziger Jahren als Student nach Jena kam war er überrascht, wie fest sogar die jungen Leute dort an den Sozialismus glaubten. Zurück in Georgien unterstützte er als Journalist die georgische Demokratiebewegung. Heute hadert er mit dem Ergebnis der Rosenrevolution: Es gibt in Georgien zwar wirtschaftliche Fortschritte, von einer echten Demokratie ist das Land aber noch weit entfernt.
Denis Goldberg war das Glück einer friedlichen Opposition nicht vergönnt. Er engagierte sich beim ANC im Kampf gegen die südafrikanische Apartheidsregierung. In Anbetracht eines Regimes, das alle Proteste brutal niederschlug sah er nur den Weg des gewaltsamen Widerstands. Der Ingenieur Goldberg ging in den Untergrund und versorgte die Freiheitsbewegung mit selbstgebauten Bomben. Dafür landete er im Gefängnis viermal lebenslänglich lautete das Urteil. Doch bei allen Problemen, mit denen Südafrika auch heute noch zu kämpfen hat, dieses Opfer hat sich nach Goldbergs Meinung gelohnt. Freie, demokratische Wahlen sind in seiner Heimat inzwischen eine Selbstverständlichkeit.
Das Beispiel Südafrika zeigt, dass es scheinbar manchmal keine Alternative zur Gewaltanwendung gibt. Doch sie kann die Bürgerbewegung nachhaltig schädigen: Die Menschen werden vom Krieg versaut, gibt Willi Volks zu bedenken. Wer eine Diktatur mit Waffengewalt überwindet, schafft häufig nicht mehr den Sprung zurück in eine zivile Gesellschaft. Bestes Beispiel ist die Revolution der Sandinisten in Nicaragua,. Noch heute ist er eng mit dem Land verbunden und engagiert sich in der Entwicklungsarbeit. Auch wenn in Nicaragua die Chance auf einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz vertan wurde, hat die Revolution für viele Menschen auf der persönlichen Ebene viel Gutes bewirkt etwa auf dem Gebiet der Gleichberechtigung.
Insgesamt blicken die TeilnehmerInnen der Diskussion mit gemischten Gefühlen auf die Ergebnisse ihres Engagements. Trotzdem ist eines klar: Veränderung braucht auch in Zukunft mutige und selbstbewusste Bürger, die nicht bereit sind, sich mit Unrecht und Unterdrückung abzufinden.
Dr. h.c. Denis Goldberg ist südafrikanischer Bürgerrechtler und ANC-Mitglied. Nachdem er lange Zeit in Haft verbrachte, engagierte er sich aus dem Exil als ANC-Vertreter für den Sturz des Apartheidregimes. 2002 kehrte er nach Südafrika zurück.
Dr. Marina Grasse war seit Anfang der 80er Jahre in der Friedensbewegung der DDR engagiert und im vereinigten Deutschland aktiv mit dem Pankower Friedenskreis verbunden.
Willi Volks ist seit 1984 in der kirchlichen Initiativgruppe Hoffnung Nicaragua in Leipzig tätig. Er ist seit 1990 im entwicklungspolitischen INKOTA-Netzwerk in Berlin tätig.






