Afrikas Adler vs. Asiens Tiger
Fußball und Entwicklung in Nigeria und Südkorea
Podiumsdiskussion und WM Spiel live (Indoor) am 22. Juni 2010, ab 18.30 Uhr in der Kalkscheune, Berlin
Nigeria und Südkorea – zwei Länder, zwischen denen nicht nur geografisch Welten liegen. Südkorea hat innerhalb von fünfzig Jahren den Aufstieg zu einer der größten Volkswirtschaften Asiens geschafft. In Nigeria dagegen lebt trotz großer Rohstoffvorkommen die Mehrheit der Bevölkerung in bitterer Armut. Am 22. Juni trafen die beiden Länder bei der Fußball WM in Südafrika aufeinander. Eine Welt – Eine Zukunft nahm das Spiel zum Anlass, den Beitrag des Fußballs zur gesellschaftlichen und politischen Entwicklung zu diskutieren.
“Südkorea hat von der WM 2002 im eigenen Land enorm profitiert”, glaubt Spielerberater Markus Han, der südkoreanische Fußballprofis nach Europa vermittelt. Der Fußball konnte sich durch das Turnier als Massensport etablieren und überwindet auch tiefe ideologische Gräben: “Der Süden fiebert auch mit der nordkoreanischen Mannschaft mit. Wenn es um Fußball geht, sind wir wieder ein Volk”, erklärt Han.
Auch Eric J. Ballbach vom Institut für Koreastudien an der FU Berlin sieht die WM als Gewinn für das Land: “Die Infrastruktur wurde stark verbessert, aber noch größer ist der immaterielle Nutzen. Die Gesellschaft ist enger zusammengerückt und hat ein viel größeres Selbstbewusstsein.”
Ganz anders ist die Lage dagegen in Nigeria. Während in der leistungsbetonten südkoreanischen Gesellschaft der Fußball vor allen Dingen als Ablenkung von Schule und Karriere gesehen wird, ist er in Nigeria neben der Musik die einzige Chance, der Armut zu entkommen. Diese Erfahrung hat auch der ehemalige nigerianische Nationalspieler Ojokojo Torunarigha gemacht. Mit 15 kickte er noch mit provisorischen Bällen aus alten Zeitungen, heute ist er Jugendtrainer bei Hertha BSC Berlin. Letztendlich profitieren nach seiner Ansicht in Nigeria aber nur diejenigen vom Fußball, die den Sprung in eine europäische Profiliga schaffen. Entsprechend desillusioniert sieht Torunarigha den gesellschaftlichen Einfluss des Sports: “Wenn die Nationalmannschaft spielt, dann sind wir für neunzig Minuten eine vereinte Nation, aber nach dem Spiel geht jede Ethnie wieder ihren eigen
en Weg.”
Etwas optimistischer ist Andreas Mehler, der das GIGA Institut für Afrika-Studien leitet. Er sieht drei Möglichkeiten, wie der Fußball den Entwicklungsländern helfen kann: Durch Projekte für Straßenkinder, als Mittel zur Versöhnung verfeindeter Gruppen und als Vermittler gesellschaftlicher Werte wie Respekt und Fairness.
Bei der anschließenden Liveübertragung des WM-Vorrundenspiels zeigten die zahlreich erschienen Fußballfans, dass sie selbst diese Werte vorbildlich verinnerlicht haben. Ganz im Sinne der Völkerverständigung endete die Partie zwischen Nigeria und Südkorea dann auch 2:2.
Markus Han arbeitet als Vermittler und Betreuer südkoreanischer FußballspielerInnen in Europa. Bevor er sich selbstständig machte, war er für die FIFA tätig.
Dr. Andreas Mehler ist seit April 2002 Direktor des GIGA Instituts für Afrika-Studien. Dort ist er zuständig für das frankophone Zentral- und Westafrika.
Ojokojo Torunarigha ist ehemaliger Nationalspieler Nigerias und seit 2006 Trainer der Jugendmannschaft vom Hertha BSC.


